| Das feuerrote Spielmobil | ||
| VW krönt die
Polo-Baureihe mit einem GTI-Modell, das seinem Urahn sehr ähnlich ist. Vor 22 Jahren galt er als "Porsche-Schreck". Denn mit 110 PS unter der Haube konnte er sich immerhin mit einem 914 oder 924 anlegen und sah doch nicht viel anders aus als ein herkömmlicher Golf I, mit dem VW seinerzeit die Familien erfreute. GTI, das war der klassische Wolf im Schafspelz. Für acht Liter 98-Oktan-Sprit brachte der auf 1,6 Liter gebohrte Serienmotor den 810 Kilogramm leichten und 3,71 Meter langen Golf der ersten Generation in 9,2 Sekunden auf Tempo 100 und bei Verlangen später auf 182 km/h. Zurück zu den Wurzeln Und er setzte einen Trend. Kaum ein Kompaktwagenhersteller verzichtete auf eine High-end-Version, während die Wolfsburger PS-Ikone selbst mehr und mehr verblaßte. So deklassierte schon das Sechszylindermodell den GTI der dritten Golf-Auflage. Beim Golf IV schließlich verkümmerte das Kürzel zur bloßen Kennung einer Ausstattungsvariante. Der Golf GTI ist tot. Doch nun gibt es wieder einen GTI, der fast exakt auf seinen 76er Urahn paßt und seinem Namen alle Ehre macht: Polo GTI. Dabei hat der neue GTI dem Golf sein
Herz zu verdanken. Durch Verkürzung der Pleuel wurde der nutzbare
Hubraum des 1,4-Liter-Golfmotors auf 1,6 Liter angehoben. Ergebnis: 120
statt 75 PS und ein, so heißt es bei VW, "Polo mit dem besonderen
Spaßfaktor". Den hat der Polo GTI ohne Zweifel, denn in allen Drehzahlbereichen
hat das Triebwerk mächtig Dampf auf dem Kessel. So könnte man
den lederbezogenen Schaltknauf völlig unbeachtet lassen. Könnte,
hätte VW nicht derart an der Abgasanlage geschliffen, daß
Jetzt krallt sich die Motorkraft in die Vorderachse und zieht den gut eine Tonne schweren Kleinwagen ungeduldig nach vorn, wobei das perfekt abgestimmte Fahrwerk den Polo quasi auf dem Asphalt kleben läßt. Wer gern fährt, wird also schalten und walten. Die extrem leichtgängige und präzise Fünf-Gang-Schaltbox macht daraus eine Freude. Soll heißen: 4 000 Kurbelwellenumdrehungen sind im fünften Gang bei Tempo 120 erreicht, im drtitten aber eben schon bei 80 km/h. Von dem beachtlichen Verbrauchswert von 7,1 Liter Super im Schnitt kann man sich dann freilich verabschieden. Wennglich der Polo GTI in vielen Parametern mit dem Ur-GTI übereinstimmt, preislich der schnelle Golf kostete damals 13 850 Mark hat er mit ihm sowenig gemeinsam wie ein TetrapackLandwein und eine verstaubte Flasche Dom Perignon. 31 900 Mark verlangt VW für das feuerrote Spielmobil, das (vorläufig) nur in einer Auflage von 3 000 Stück verkauft werden soll. Insbesondere an junge Leute. Ein finanzielles Problem sieht Projektmanager Hans-Joachim Radde dabei nicht: "Es gibt 18jährige, die sich einen BMW Z3 kaufen." Daß denen aber vielleicht gleich ein Coupé nach Machart eines Tigra oder Puma lieber wäre, streitet Radde nicht ab, doch befinde sich solch ein Fahrzeug derzeit nicht in der Planung. Damit wäre zumindest in den nächsten drei Jahren kein neuer Tigra-Gegenspieler zu erwarten. Da die Wolfsburger aber künftig in jeder noch so kleinen Marktlücke mitmischen werden, ist auch der Einstieg ins Kompakt-Coupé-Segment eine Frage der Zeit. Im Jahr 2001 wird der nächste Polo fertig sein. Eine gute Basis. Zuvor steht natürlich noch eine
bereits erwartete Verjüngungskur für den mittlerweile vier Jahre
alten Polo auf dem Plan. Der GTI gibt mit blau hinterleuchteten Instrumenten
bereits einen Vorgeschmack. Ebenso drängt die Konkurrenz, Seitenairbags
anzubieten. Vor allem aber sollen Maßnahmen getroffen werden, um
die Versicherungseinstufungen zu drücken. Denn derzeit ist der Polo
zwar in der Anschaffung billiger als der neue Golf, in der Versicherung
jedoch deutlich teurer.
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Autor: Jochen Knoblach (22.08.1998) zum Original-Artikel
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